Meandern

my washing-machine ate my socks

OK, um der Waschmaschine gegenüber fair zu bleiben, sie hat die Socken nicht vollständig gegessen, sondern einfach nur angenagt. Wie auch immer es passiert sein mag, es waren die einzigen Socken, die nach der Wäsche total löchrig waren. Interessanterweise war es auch ein Paar. Leider waren es auch ziemlich neue, so dass ich noch keine Lust hatte sie wegzuwerfen. Deshalb wurden sie bunt:

socken

Ja, ich hätte mir die Mühe machen können und sie unsichtbar stopfen. Aber bevor ich nun wieder von irgendwelchen „ordentlichen Stopffans“ eines auf den Deckel bekommen: Ich mag die bunten Patches. Und ich bin schon seit sehr langer Zeit ein (un)heimlicher Fan von Kapital.jp. Die aktuelle Kollektion ist nicht so geflickt, aber sie hatten in der Vergangenheit schon Kollektionen, die aus zusammengestückelten und geflickten Einzelstücken bestand und die ich einfach liebe. Bandanna Almanac hat eine ganze Reihe gesammelt und wer auf pinterest nach ‚Kapital Japan‘ sucht findet auch Hunderte Beispiele. Besonders gut gefällt mir auch die Arbeit von Celia Pym. Eine Künstlerin, die in „knitting, darning & textiles“ arbeitet und auch schon addidas Socken gestopft hat 😀

Die Stopfaktion passt recht gut zu meiner derzeitigen Lieblingsmeckerei: Minimalismus und Decluttering.

Im vergangenen Jahr sah ich mich dazu gezwungen einiges Auszumisten und Wegzuwerfen. Um es mir einfacher zu machen und vielleicht auch um es mir diese gefühlte Verschwendung eher zuzugestehen, las ich also eine entsprechende Menge Bücher, die zu dem Thema passen. Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal dieses Simplify_Zeug von den Küstenmachers abonniert gehabt. War mir letztendlich zu viel blabla und zu christlich. Später stolperte ich dann über Marie Kondo. Die Gute hat ja inzwischen auch im Westen eine ganze Menge Popularität erfahren (so genannte Frauenzeitschriften bringen ihre Hinweise usw.), ihre Thesen haben sich über die Jahre nicht wesentlich verändert. „Wirf weg, was dich nicht glücklich macht.“ ist ihre Hauptthese, womit sie sich nur in der Formulierung von all den Feng Shui/Declutter/Minimalismus-Ratgebern unterscheidet.

Und was mich nur noch auf die Palme bringt.

Ich habe weggeworfen, all die Jahre. Mit jedem Ausmisten, jedem Ausräumen, jedem Verschlanken warf ich weg. Kondo bemisst ihren Erfolg und den ihrer Kundinnen nach der Menge der Müllsäcke, die sie aus ihren Wohnungen entfernen. Doch dieses ganze Wegwerfen hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe viele Dinge später vermisst, vieles verloren durch diese Wegwerfaktionen und mit jedem Stück, das ist wegwarf, habe ich auch ein Stück meiner Vergangenheit weggeworfen.

In der Regel gehen die Ratgeberautor*innen ja nach der Drei-Kisten-Regel vor. Eine Kiste zum Aufbewahren, eine für wohltätige Organisationen oder zum Verschenken und eine zum Wegwerfen. Kondo ist da konsequenter und ehrlicher. Sie sagt, einfach wegwerfen. Man bedankt sich vorher bei dem Teil, das weggeworfen wird und dann kommt es in den Müll. Denn ich soll andere Leute nicht mit  meinen ungeliebten Sachen belasten.

Soweit immerhin so ehrlich. Denn wenn wir ehrlich sind, dann wollen wir die Dinge, die wir verschenken oder spenden eigentlich nicht mehr haben, aus irgendeinem Grund haben wir aber ein schlechtes Gewissen, wenn wir sie tatsächlich wegwerfen.

Egal aber wie es formuliert wird, es bleibt beim Wegwerfen und DAS ist mein Hauptkritikpunkt an der ganzen Declutter/Minimalismus/Feng Shui-Geschichte. Ich werfe mehr oder minder unkontrolliert Sachen weg. Und dann? Früher oder später werden diese Sachen durch neu gekaufte ersetzt und der Zyklus geht von vorne los.

Wenn man sich diese Vorzeigeminimalisten mal ansieht, dann sind es in der Regel Leute, die vorher einen extrem stressigen und extrem gut bezahlten Job hatten, aus dem sie mit einer Menge Geld auf dem Konto ausgestiegen sind. Dann haben sie ihre teuren Appartements in der Müncher Stadtmitte verkauft und sich eine winzig kleine Wohnung (oder ein tiny house) irgendwo in den Bergen gekauft, ihre Bücher- und Plattensammlungen digitalisiert und leben nun nur noch für das gute Leben in einer extrem minimalistischen Umgebung. Doch was sie in den ganzen Interviews nie gefragt werden: Wer macht bei ihnen Reparaturen? Oder wird gar gar nichts repariert? Was, wenn ihnen dann doch mal was fehlt? Genau, dann haben sie ausreichend Geld auf der hohen Kante, um sich die Sachen einfach mal schnell zu kaufen, zu benutzen und dann unter Umständen, weil sie in ihr minimalistisches Leben nicht mehr passen, wieder wegzugeben. Natürlich, an jemanden, der bedürftig ist, somit hätten sie sogar noch etwas Gutes getan. /sakasmus off

Oder Marie Kondo. Diese Frau räumt seit sie ein kleines Kind ist beständig ihr Zimmer/ihre Wohnung auf und aus. Beständig. Das schreibt sie so in ihren Büchern. Sie hat daraus eine Aufgabe und eine Arbeit gemacht. Von der sie auch leben kann, was micht für sie freut, aber sie ist immer noch am Ausräumen. Entweder hat sie nur noch 20 Sachen oder sie kauft halt immer wieder neu. Natürlich ist es Letzteres.

Und genau das ist es, was mich inzwischen auf die Palme bringt. All diese Ratgeber führen uns ein Wegwerfleben vor. Was zu viel ist, kommt weg. Egal, ob es vielleicht tatsächlich später vermisst wird. Pech gehabt, dann hättest du es einfach früher gebrauchen sollen. Im Fall von Marie Kondo ist es noch schlimmer. Dein Hammer macht dich nicht glücklich? OK, wirf ihn weg. Solltest du einmal einen Nagel einschlagen müssen, nimm eine Pfanne. Oder kauf dir einen neuen Hammer. Wirklich? Echt? Das kann es doch nicht sein!

Ja, die meisten meiner Werkzeuge machen mich nicht glücklich in dem Sinne. Wie sollten sie auch. Sie sind dafür gemacht, um eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Der Gatte ist ja auch eher ein Wegwerfer, insbesonder von Dingen, deren Sinn ER nicht so ganz erkennt. Dazu gehört unser beständiger Streitpunkt: Holz im Keller. Also Möbelholz. Von Regalen oder Bretter. Ich sage, Holz ist teuer, wenn ich es brauche, habe ich es und kann es verarbeiten. Er sagt, ja wann willst du das machen? Ich sage, keine Ahnung.

Inzwischen habe ich eine Ahnung, denn nun muss ich unten die Wohnung renovieren und einrichten. Ich habe etliche Möbel meiner Eltern behalten, aber alles war nicht drin. Einfach weil die Qualität nicht gepasst hat. Oder weil ich keine Ahnung hatte, was ich mit einem Sekretär soll. (Der ging übrigens mitsamt der dazu passenden Kommode an einen Freund, also keine Angst, nicht auf den Müll.) Auch wenn wir nun ein gesamtes Haus für uns haben, ist der Platz nicht unendlich. Andererseits konnte ich vor einigen Jahren noch nicht ahnen, wie es hier weitergehen wird. Das Möbelholz wird mir nun aber gute Dienste leisten. Wenn es nach den Declutter-Ratgebern gegangen wäre, hätte ich das Holz schon vor vielen Jahren weggworfen. Und dürfte mir nun neues kaufen.

Ich habe ja so langsam das Gefühl, diese ganzen Declutter/Minimalisten sind nur dazu da, damit man sich immer wieder neue Dinge kauft. Wenn das nicht der Fall wäre, würden sie mehr auf das Benutzen des Vorhandenen und ja, auch dem Bewahren des Vorhandenen wert legen. Wie kommt es sonst, das mir alle sagen: wegwerfen, wegwerfen, wegwerfen. Was du ein halbes Jahr nicht benutzt hast, wirst du nie wieder gebrauchen. MK: wenn du ein Buch nicht innerhalb von XX gelesen hast, wirf es weg. Wenn du es schon einmal gelesen hast, wozu aufbewahren. Niemand liest ein Buch mehrfach. usw.

Ich kriege inzwischen einen dicken Hals, wenn ich diese ganzen Wegwerftipps lese. Was ich vermisse sind Hinweise zum Erhalt von Dingen.

Jedes Ding hat irgendwann einmal Ressourcen gekostet, um es herzustellen. Wenn ich dieses Ding nun wegwerfe, werfe ich diese Unmenge an Ressourcen einfach weg. Gut, bei uns kommen die Dinge dann immerhin in ein Heizkraftwerk und werden nicht wie in anderen Ländern eingegraben oder so auf eine Müllhalde geworfen. Aber auch beim Heizkraftwerk bleiben Schlacken übrig, die nicht unbedingt gut sind.

Wäre es nicht besser, anstatt einfach die Sachen, die einem nicht mehr gefallen (und wenn wir ehrlich sind, ist es eine Frage des Nichtgefallens und nicht eine Frage der Unbrauchbarkeit bei den meisten Dingen, die weg geworfen werden), also wäre es nicht besser, wenn wir diese Sachen einfach behielten? Anstatt sie weg zu werfen? Ja, dann habe ich Dinge, die mir nicht gefallen im Haus. Und dann? Dann benutze ich sie halt. Es gibt Dinge, die nicht mehr repariert werden können. Die meisten Plastikteile meiner Eltern z.B. Das Plastik wird alt, verliert seine Weichmacher, wird hart und/klebrig und damit unbrauchbar. Will heißen, künftig sollte man vielleicht auf solches Plastik verzichten. Wenn man Kunststoffe kauft, sollten sie möglichst lange haltbar sein und die Investition lohnen. Und nicht einfach nur irgendein billiges Plastikteil sein. Von denen es leider viel zu viele in unserer Gesellschaft gibt. (Ich sehe sie immer im Wald herumliegen als Müll.)

Derzeit lese ich ein anderes Buch: Craft of Use: Postgrowth Fashion von Kate Fletcher.

Zugegeben, es befasst sich mit Bekleidung, aber Fletchers Gedanken kann man durchaus auch auf andere Dinge übertragen. Unter Craft of Use versteht sie, dass man sich Handwerkszeug zum Erhalt von den Dingen, die wir benutzen (in ihrem Fall Kleidung) zulegen sollte. Sie geht als Hochschuldozentin natürlich noch weiter und denkt auch an die Konstruktion und Rezeption von Kleidung. Doch für unsere Zwecke reicht mir erst einmal der Gedanke an das Handwerkszeug für den Gebrauch und den Erhalt von Dingen.

Dabei müssen die Dinge nicht unbedingt in ihrem Urzustand konserviert werden. Man darf und kann sie verändern, anpassen an das eigene Leben. Wichtig ist eher, dass man sich mit ihnen befasst und sich ein geistiges und handwerkliches Rüstzeug zulegt, wie man die Dinge benutzt anstatt sie weg zu werfen.

Benutzen statt wegwerfen. Vielleicht wäre das einmal mehr als nur einen Gedanken wert. Denn wenn ich Dinge habe, muss ich sie nicht wegwerfen. Wenn sie nicht in mein Leben passen, kann ich mir Gedanken darüber machen, wie ich sie für mich und mein Leben passend machen kann, weiterentwickeln kann und sie damit erhalten kann. Denn alles was ich nicht wegwerfe, muss ich nicht irgendwann durch neue Dinge ersetzen.

Ja, Wegwerfen macht unser Leben frei. Aber die Dinge verschwinden dadurch ja nicht einfach, sondern sie landen wieder irgendwo. Wo sie dann herumliegen und verrotten (oder auch nicht, sondern nur zu giftigen Stoffen zerfallen) oder wo man sie verbrennt und dann mit der giftigen Schlacke etwas anfangen muss. Die dann ihrerseits wieder irgendwo herumliegt.

Wäre es nicht besser die Dinge zu behalten und sie einem anderen Zweck zuzuführen? Oder vielleicht doch ein Ding behalten, dass einem nicht so unglaublich gut gefällt. Und dafür das gute Gefühl zu haben, nicht noch mehr zu unserer Wegwerfgesellschaft beigetragen zu haben.

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5 Kommentare zu „my washing-machine ate my socks

    1. Ich denke auch, dass Spenden sicherlich besser ist als wegwerfen. Für mich stellt sich nur die Frage, muss ich überhaupt ausmisten? Dinge, die ich nun weggebe, könnten tatsächlich später wieder gebraucht werden. Das ist mir die letzten Jahre nun so oft passiert, dass ich mir wirklich nicht mehr sicher bin, ob dieses Ausmisten tatsächlich sinnvoll ist.
      Ja, wenn es um Dinge geht, die ich sicher nie wieder benutzen werde, dann gebe ich dir recht, ist Spenden natürlich die bessere Wahl.
      In meinem konkreten Fall habe ich nun nach dem Tod meiner Eltern sämtliche Werkzeuge, die mein Vater hatte (und die im Haus verteilt waren, zum Teil unauffindbar bis ich nicht danach konkret gesucht habe) und all meine Werkzeuge zusammengesammelt und sortiert und gesichtet. Und bin tatsächlich auf mehrere gleichwertige Teile gestoßen. Das jeweils beste Teil habe ich aufgehoben und die anderen verschenkt bzw. gespendet. Aber alle anderen Einzelteile habe ich behalten. Ich habe zwar konkret keine Idee, wann ich sie im Einzelnen verwenden werde, aber bevor ich dann losziehen muss, um mir einen neuen Ersatz zu kaufen, behalte ich sie lieber.
      Ich finde jedenfalls, es ist ein deutlich komplexeres Thema als Ratgeber wie Mari Kondo es einem einreden wollen. Deren Rat führt wirklich nur zu einer Vergrößerung des globalen Problems der Wegwerfgesellschaften.

  1. Im Sinne von mehr Nachhaltigkeit im Alltag, wirklich wichtige Gedanken! Ich liebe es zwar wirklich, mit wenigen Dingen zu leben, habe aber auch eine kleine Mietwohnung in der Stadt und kein Haus mit Garten. Es ist sicher immer wieder eine Gratwanderung, das jeweils richtige Maß zu finden. Irgendwas abgeben, wenn ich etwas vergleichbares hinterher wieder neu kaufe, ist ebenso unsinnig, wie etwas behalten, was ich nie verwende.

  2. Moin 🙂
    sehr gute Gedanken die du hier schreibst.
    Dieses einfach wegwerfen zu predigen mag ich auch überhaupt nicht!
    Spenden oder weitergeben an Freunde Verwandte damit es im Kreislauf erhalten bleibt, ist der richtige Weg. Und Dinge die ich noch weiter verwenden kann aber zur Zeit nicht brauche, die hebe ich auch auf. Grad bei Holz geht es mir wie dir, in meinem Keller ist es auch vorhanden 🙂 Auch alte Kleidung die nicht mehr getragen werden kann, wird noch für andere Zwecke verwendet, Putzlappen z.B. oder es wird etwas „Neues“ draus genäht wie zuletzt bei mir Stoffbeutel aus alten Bettlaken 🙂
    Die Hardcoreprediger wie Kondo und Co würden sicherlich die Hände über dem Kopf zusammen schlagen wenn sie meine zur Zeit nicht genutzten Schätze sehen würden und sagen du bist kein Minimalist. Da sag ich gerne als Antwort, ist mir Wurscht, die Schätze brauche ich wenigstens nicht zu kaufen wenn ich sie doch noch brauchen sollte 🙂
    Liebe Grüße
    Aurelia

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