Meandern

Gegensatzpaare

Wer mich kennt und/oder mein Buch gelesen hat, wird wissen, dass ich keine besonders große Vorliebe für das Gegensatzpaar „natürlich / chemisch“ oder „Natur / Chemie“ habe. Das liegt daran, dass zum Einen alles Chemie (oder eigentlich Physik) ist bzw. mit Hilfe der Chemie oder Physik beschrieben werden kann. Und zum Anderen daran, dass in vielen Fällen die Bezeichnung „Natur“ für alles steht, was als „gut“ angesehen und „Chemie“ für alles steht, was als „schlecht“ angesehen wird. (Zumindest wird es von vielen Menschen so verwendet.) Dies ist eine Form der Gegensätzlichkeit, die mir zu sehr aus unserem christlichen Denken entspringt und die mir zu wenig mit der Welt als solches zu tun hat.

Zur Erklärung: Das christliche Denken beruht auf Gegensätzlichkeiten: hier „gut“ dort „böse“, hier „Gott/Jesus“ dort „Satan“. Ohne diesen Aufbau ist das christliche Weltbild nicht denkbar. Es gibt keine Neutralität in irgendeiner Form, kein Sein als solches ohne diese Wertung. Nun ist aber die „Natur“ als solches nicht nach Gegensätzlichkeiten aufgebaut. „Gut“ und „böse“ setzen ja immer eine Absicht voraus, die als solche in der Welt nicht existiert. Diese Absicht hat erst der denkende Mensch in das Weltgefüge gebracht. Der sprichwörtliche Löwe, der das Gazellenkalb jagt, erlegt und dann auffrisst, tut es nicht aus der Absicht heraus dem Gazellenkalb oder dessen Familie zu schaden, sondern aus dem Bedürfnis des Hungers heraus, den er nicht anders stillen kann. (Im Gegensatz dazu haben wir Menschen durchaus verschiedene Möglichkeiten unseren tatsächlichen und metaphorischen „Hunger“ zu stillen, aber darum geht es hier gerade nicht.)

Dieser sprichwörtliche Löwe ist also in seiner Handlung nicht „gut“ oder „böse“, sondern er ist einfach. Das bezieht sich auf die gesamte außermenschliche Welt, die in ihrem Dasein ist und in der es die Gegensätze „gut“ und „böse“ als solche nicht gibt. Digitalis ist eine wunderschöne Pflanze und Hummelweide, die tödlich sein kann. Ist sie nun „gut“ weil sie wunderschön ist und Hummeln füttert oder ist sie „böse“ weil sie tödlich sein kann? Die Pflanze als solche hat keine Absicht das eine oder andere zu sein, sondern sie ist so.

Doch ich schweife ins allzu philosophische ab.

Unsere Naturwissenschaften, die wir im Laufe der Jahrtausende entwickelt haben, sind in erster Linie dazu da, um unsere Welt zu beschreiben. Weswegen Chemie und Physik an sich auch erst einmal nicht „gut“ oder „böse“ sein können, sondern nur Werkzeuge sind, mit deren Hilfe wir uns in unserer Welt orientieren. Oder es sind Werkzeuge, mit denen wir die Welt manipulieren.

Aus diesem Grund verwende ich nun die Gegensatzpaare „natürlich“ und „synthetisch“. Was mir auch nie so ganz behagte, aber erst einmal eine Hilfe war. Denn die natürlich vorkommenden Stoffe, die wir in unserer Färberei verwenden, entstehen im natürlichen Kreislauf und werden auch in diesen zurückgeführt. Im Gegensatz zu den petrochemischen Stoffen, die wir synthetisch aus Erdöl, Erdgas, Kohle und deren Beiprodukten _synthetisch_ herstellen und die in ihrer Komplexität keinen Platz mehr im natürlichen Kreislauf haben und dort auch nicht mehr verwertet werden können.

Seit meinem Beginn der Färberei mit Naturfarben habe ich mit diesen Begriffen gekämpft, aber seit ich Erdfarben und Eisenoxidfarben mit hinzugenommen habe, passt diese Begrifflichkeit einfach nicht mehr.

Eisenoxidfarben und Erdfarben werden schon seit Jahrhunderten oder zum Teil seit  Jahrtausenden von Menschen verwendet, um Bilder zu malen oder um Stoffe oder Leder einzufärben. Seit dem 18. Jahrhundert werden beide Pigmentarten im großen Stil in Hochöfen synthetisiert. Bis dahin wurden Erden und Erze hauptsächlich gesammelt und dann von Hand vermahlen (bzw. später wurden Tiere und/oder Wasserkraft beim Mahlen eingesetzt was man immer noch an historischen Farbmühlen sehen kann). Das Verfahren, Eisenoxidpigmente im Hochofen herzustellen ist allerdings auch schon älter und die diversen Hinweise auf den Beginn des Industriezeitalters beziehen sich mehr auf das Herauslösen der chemischen Prozesse aus dem Gildenbetrieb hinein in ein industrielles Verfahren.

Aber auch hier zeigt sich dann schon der gedankliche Fehler meiner Unterscheidung zwischen „natürlich“ und „synthetisch“. Ein Problem, das ich bis dahin erst einmal beiseite geschoben hatte. Heute morgen nun las ich in einem Buch über japanischen Holzschnitt weiter und stieß auf die im 19. Jahrhundert im japanischen als „holländische Farben“ bezeichneten Farbstoffe.

1609 wurde der erste Handel zwischen einigen wenigen europäischen Ländern und Japan etabliert. Die europäischen Händler durften sich nur in einem sehr eingeschränkten Gebiet auf Nagasaki im Südwesten Japans aufhalten, trotzdem waren die Handelbeziehungen eifrig und vielfältig. Mit den Händlern kamen die Missionare, die Japan versuchten zu christianiseren und mit der Christianisierung kam der enorm blutige Shimabara Aufstand 1637, als christliche japanische Bauern und ungebundene Samurai mit Hilfe der christlichen Handelsnationen gegen das Shogunat aufbegehrten. Der Aufstand wurde blutig u.a. mit Hilfe der Niederländer niedergeschlagen, die sich als einzige Nation auf die Seite des japanischen Shogunat stellten. Nach Niederschlagung des Aufstandes wurden alle anderen Nationen des Landes verwiesen, nur die Niederländer durften bleiben. (1854 wurde Japan dann von einem US amerikanischen Commodore „zwangsgeöffnet“, aber das ist eine andere Geschichte.)

Mit den Niederländern kamen dann auch im 18. Jahrhundert die modernen, synthetischen Farben und wurden, wie eigentlich alles in Japan, mit offenen Armen aufgenommen. Eines der wichtigsten modernen Pigmente war Preußischblau (oder Berliner Blau, Pariser Blau, Eisencyanblau, Miloriblau usw.). Eines der berühmtesten japanischen Kunstwerke ist mit Preußischblau entstanden: Die große Welle vor Kanagawa von Hokusai (ca. 1830)

Das in Japan schon so früh synthetische Farben verwendet wurden, war mir neu und ich schaute mir Preußischblau einmal näher an. Und wurde einmal wieder mit meinem sprachlichen Dilemma konfrontiert.

Preußischblau wurde wahrscheinlich 1706 von Johann Diesbach, einem Berliner Farbenhersteller, der für Johann Leonhard Frisch gearbeitet hatte entdeckt. Der Legende nach (in wieweit die Geschichte stimmt, kann nicht mehr genau verifiziert werden), wollte Diesbach Cochenille Lake herstellen, wozu er Cochenille, Alaun, Eisensulfat und Pottasche benötigte (letztendlich dasselbe Verfahren, was wir auch zum Herstellen von Pigmenten nehmen). Ihm war die Pottasche (Kaliumcarbonat) ausgegangen, weswegen er sich die Pottasche seines Kollegen Dippel auslieh. Dessen Pottasche war aber mit seinem Tieröl (Dippels Tieröl) verunreinigt, weswegen Diesbach nicht den roten Lake bekam, sondern ein tiefes blau.

Dippels Pottasche bestand aus Kaliumhexacynoferrat(II) (Gelbes Blutlaugensalz, Kaliumferrocyanid, Gelbkali, E 536) ein Kaliumsalz, das aus Blut, Knochen, Horn und anderen proteinhaltigen Substanzen unter der Gegenwart von Eisensänen und Pottasche hergestellt wurde. In der Natur kommt es als sehr seltenes Mineral Kafehydrocynit vor. Im Lebensmittelbereich ist es als Rieselhilfe bei Kochsalz zugelassen. Das leicht andere Rote Blutlaugensalz (Kaliumhexacynoferrat(III)) wird übrigens in der Cyanotypie verwendet.

Preußischblau ist lichtecht, waschecht und besitzt eine sehr gute Deckkraft. Es ist mäßig beständig gegen Säuren, aber unbeständig gegen Laugen weswegen es nicht im Bereich der Freskenmalerei eingesetzt wird. Außerdem ist es ein Gegengift zu Caesium und Thalium und gehört nach WHO zu den Basismedikamenten. Trotz des Blausäureanteils ist es ungiftig, da die Blausäure fest an das Eisen gebunden ist. (Allerdings muss man bei hohen Temperaturen deutlich über 140°C aufpassen, da hierbei Blausäuredämpfe und Ammoniak als Zersetzungsprodukte entstehen.)

Inzwischen wird nicht mehr der Umweg über die direkte Reaktion genommen, sondern es werden Ammoniumsalze als Grundlage verwendet. Ammonium entsteht in der Natur beim Abbau von Proteinen, in der Industrie sind Ammoniumsalze die am häufigsten verwendete anorganische Verbindung. Ammoniumsalze werden im Megatonnenbereich hergestellt, da die meisten Düngemittel daraus produziert werden.

Womit wir beim nächsten Problem wären. Ammoniak als Grundchemikalie für Ammoniumsalze besteht aus Stickstoff und Wasserstoff. Der Stickstoff wird aus der Luft gewonnen, wo er in großen Mengen vorhanden ist. Wasserstoff allerdings muss erst hergestellt werden. Dabei nimmt man Kohle, Erdgas oder Naphtha (Rohbenzin). Sieht man von den fossilen Ausgangsstoffen ab, ist die Herstellung von Ammoniak enorm energieintensiv. Es müssen also in dessen Herstellung jede Menge fossile Brennstoffe zum Einsatz kommen. (Wenn wir es nicht schaffen, dazu möglichst schnell eine Alternative zu finden, kriegen die Menschen in 100 Jahren mal ein echt großes Problem. Und ich rede hier nicht von den Auswirkungen auf das Klima. Aber auch das ist eine andere Geschichte.)

Das heute so hergestellte Preußischblau ist also eher ein Abfallprodukt der Düngemittelindustrie, für die das Ammoniumsalz ohnehin in riesigen Mengen hergestellt wird. Aber auch die Herstellung dieser Farben ist energietechnisch nicht unbedeutend.

Ich stehe nun also vor zwei Problemen. Ich habe synthetische Farben schon seit langer Zeit aus meinem Färbeprozess ausgeschlossen, da diese petrochemischen Produkte immer komplexer geworden sind, bis zu dem Punkt ab dem sie keinen Platz mehr in der natürlichen Welt haben. Natürliche Stoffe sind (in meinen Augen) die Stoffe, die bei ihrer Zersetzung in weitere natürliche Stoffe zerfallen, bis wir am Ende Grundstoffe haben, die es auch so in der Natur gibt. Wenn ich also meine Farbstoffe aus der Natur habe und sie auf meine Pflanzen- oder tierischen Fasern auftrage und das ganze dann irgendwann im Kompost landet, dann sollten am Ende der Zersetzung bitte schön nur Stoffe übrig bleiben, die im besten Fall unschädlich sind aber auf alle Fälle auch so in der Natur vorkommen könnten. Das ist auch bei Eisenoxidpigmenten so und natürlich besonders bei Farben aus Pflanzen oder Tieren. Und das würde auch auf Preußischblau zutreffen, da die Zerfallprodukte auch so in der Natur vorkommen könnten. Im Gegensatz zu beispielsweise Plastik, das auch im Zerfall von der Natur nicht „erkannt“ wird und als Fremdkörper noch über die nächsten 2000 Jahre im Boden oder Wasser oder eben auch in Lebewesen herumlungert. (Strandsand besteht inzwischen bis zu 10% aus zermahlemen Plastik. Das Zeug geht einfach nicht kaputt, es zersetzt sich nicht, es wird nicht in den Kreislauf wieder aufgenommen, es wird nur in immer kleinere Teilchen zermahlen.)

Auf der anderen Seite habe ich dann den Herstellungsprozess und hier wird es (von einem ethischen Standpunkt aus gesehen) spannend. Nicht nur, dass ich bei der Verwendung von diversen Eisenoxidpigmenten oder Erden einen enorm energetischen Aufwand betreiben muss, auch die Farben aus Pflanzen und Tieren bringen einigen ethischen Balast mit sich. Ich konnte bislang noch keinen Händler finden, der eine fair trade-Zertifikation hatte oder der Bio-Farbstoffe verkauft. Ökologisch betrachtet sind die in der Landwirtschaft gezogenen Farbpflanzen den wild gesammelten vorzuziehen. In unserer ökologisch so gefährdeten Welt zählt jeder Löwenzahn und jede Beere, die an einem Strauch hängt. Jede Blüte, die wir pflücken, dient einem Insekt nicht mehr als Futter und wer weiß, vielleicht war genau diese Blüte der Kipppunkt, weswegen das eine Insekt eben nicht mehr überleben kann. Und wir wissen inzwischen gesichert, dass die Anzahl der Insekten gefährlich gesunken ist.

Andererseits sind aber auch Farbpflanzen in Monokultur mit petrochemischen Düngern versorgt keine wirkliche Alternative. Dasselbe gilt übrigens auch für die Farbinsekten. Von dem Transport einmal ganz abgesehen.

Ich weiß, das ist ein Dilemma, das jede Färberin für sich selbst lösen muss. Und so bin ich von der abstrakten Diskussion wieder bei der eigenen ethischen Verantwortung gelandet. Wie viel Farbe muss ich haben, wie viel Farbe kann ich in seinen ganzen Auswirkungen noch dem Planeten zumuten?

Wie immer kann meines Erachtens die Antwort nur auf ein „weniger ist mehr“ hinauslaufen. Nur mit einem deutlich verringerten Gebrauch und Konsum können wir noch wenigstens ein bisschen das Ruder herumwerfen.

Was mein Terminologieproblem nicht löst. Allerdings bin ich im Laufe dieses Artikels immerhin dahinter gekommen, wo mein Problem eigentlich liegt.

Was ist eure Meinung dazu?

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Ein Kommentar zu „Gegensatzpaare

  1. Hat dies auf Madame Flamusse la Fluse rebloggt und kommentierte:
    Beim Thema Handarbeit komme ich immer wieder mit dem Thema Umwelt und Ethik in Berührung. Das ist ein großes Thema und auch ein schwieriges. Ich möchte keine künstlichen oder umweltverschmutzenden Materialien verwenden und erschrecke oft wieviele Menschen sich darum keine Gedanken machen. Wie viele nur nach dem Preis und nicht dem Wert schauen. Wir Handwerker*innen haben auch eine Verantwortung. Nemo Ignorat hat sich mit dem Thema Färben und Farbstoffe näher beschäftigt:

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