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Faire Preise Teil 2 – Was kostet mich der Pullover

Wenn wir nun bereit sind, faire Preise für Wolle zu zahlen, was kostet mich denn dann so ein Pullover aus heimischer Wolle, selbstgesponnen und selbstgestrickt? Wird das dann nicht unglaublich teuer? Wer kann sich das denn dann noch leisten?

Machen wir doch einmal die Rechnung auf.

Für einen handgestrickten Pullover in einer durchschnittlichen Frauengröße 42 – 44 benötige ich, um auf der sicheren Seite zu sein, etwa 0,8 – 1 kg Garn. In der Regel weniger, ist aber abhängig vom Strickmuster (Zöpfe fressen Garn, glatt rechts braucht weniger z.B.), der Dicke des Garns und der Strickerin. Einfach nur um sicher zu sein, liegen auch die anderen Zahlen alle eher am oberen Rand. Dieses Kilo Garn stammt von ca. 2 kg Rohwolle. (Abfall ist dabei, dann wäscht sich einiges an Gewicht in Form von Wollschweiß aus, durch Spinnen verlieren wir noch einmal etwas Masse usw.)

Abhängig von der Schafhalterin bekomme ich ein frisch geschorenes Vlies für zwischen 5 und 20 EUR. Wie ich gestern erklärte, sollten das eigentlich der Fairness halber eher 28 – 40 EUR sein. Das Vlies wiegt dann so um die 4 kg, wovon ich 2 – 3 kg gute Wolle bekomme. Ich muss mit etwa 1 – 2 kg Abfall rechnen, die im Volumen etwa eine halbe normale Mülltonne ausmachen oder eben einen gesonderten Restmüllsack. Bei uns kostet ein extra Restmüllsack, der als zusätzliche Müllabholung gerechnet wird, 5,50 €. Das Vlies muss sortiert, gewaschen und gereinigt werden. Dann muss ich es zupfen, kardieren, spinnen und verstricken wozu ich jeweils auch noch Werkzeuge benötige. Beim Werkzeug kann ich natürlich in die Vollen greifen und mir gleich Karden für feine Haare und Baumwolle besorgen, die so um die 100 € kosten oder ich kann einfach anfangen, mit Hundebürsten oder den günstigsten Karden, die es gibt. Auch Handspindeln gibt es bis über 100 € teuer, ich rechne hier aber erst einmal mit einer einfachen.

  • Vlies: 20 – 40 €
  • Restmüllkosten: 5,50 €
  • Wasser und Abwasser ca. 80 Liter: 0,40 – 0,80 €
  • Energiekosten zum heißen Reinigen ca. 4 kWh: 1,20  – 2,00 €
  • Karden (einfache Hundebürsten oder einfache Handkarden): 20 – 30 €
  • Handspindel: 5  – 20 €
  • Stricknadeln: 5 €
  • etwa 200 Stunden für die Ungeübte: unbezahlbar
    (Wenn man etwas geübter ist, wird das Waschen, Zupfen, Kardieren, Spinnen und Stricken schneller gehen. Unter 100 Stunden haut es aber nicht hin.)

insgesamt: 60 – 105 € für Material und Energiekosten plus eventuell Fahrtkosten, um das Vlies von der Schafhalterin abzuholen oder Portokosten, plus eventuelle Portokosten für die Werkzeuge.

Whoah, so viel? Dann lohnt sich das ja gar nicht.

Sobald wir aber etwas anders rechnen, nämlich in einmalige Kosten und immer wiederkehrende Kosten unterscheiden, kommen wir spätestens ab dem zweiten Pullover deutlich günstiger hin.

  • einmalige Kosten (Karden, Spindel, Nadeln): 30 – 55 €,
  • immer wiederkehrende Kosten (Vliese, Wasser, Energie etc.): 30 – 50 € geteilt durch 1,5, denn wir kriegen ja aus einem Vlies Garn für etwa 1 – 2 Pullover heraus.

Womit wir am Ende bei 20 – 35 € pro Pullover wären. Und auf einmal sieht das deutlich machbarer aus. Vor allen Dingen, wenn wir bedenken, was wir da in den Händen halten. Ein wärmendes Kleidungsstück, dass direkt von einem heimischen Schaf gekommen ist. Keine langen Wege hinter sich brachte, keine Quälerei erdulten musste. Wenn wir sicher sein wollen, wie es den Schafen geht, von denen wir unsere Vliese bekommen, können wir sie besuchen, anschauen und uns mit den Halterinnen unterhalten.

Wir haben unsere Hände und unsere Hirne dafür eingesetzt, kaum Energie und fossible Brennstoffe verbraucht und am Ende halten wir ein Kleidungsstück in den Händen, das uns die nächsten 10 oder 20 Jahre begleiten kann.

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Leuten, die von ALG II leben müssen, würde ich empfehlen tatsächlich den günstigeren Weg zu gehen und vielleicht bei einer Schafhalterin nachzufragen, ob sie nicht ein Vlies so abzugeben hat. Oder man bietet als Gegenleistung für das Vlies vielleicht Hilfe bei den Schafen an oder im Garten der Schafhalterin? Wäre ja vielleicht auch eine Möglichkeit.

Wenn man einen Innenhof zur Verfügung hat und die Hausmeisterin mitmacht, kann man vielleicht Regenwasser sammeln und so die Wasserkosten senken. Mit der Energie wird es schwierig, es sei denn, man kann die Wolle auf dem Gelände einer Freundin waschen und dort z.B. ein Feuerchen unter einem Kessel, den man z.B. vom Sperrmüll kriegen kann, machen.

Handspindel und Stricknadeln lassen sich selbst für wenig Geld (unter 5 €) aus schönen Ästen oder Rundhölzern schnitzen (falls das nächste verfügbare Holz nur im Baumarkt zu finden ist). Und die Wolle muss zum Spinnen nicht einmal kardiert werden. (In Peru wird Wolle vor dem Spinnen nur sehr gut gezupft und nicht kardiert.)

Wer also wirklich überhaupt kein Geld hat, kann auch deutlich günstiger an einen warmen Pulli kommen.

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Ich lasse die Arbeitszeit für den Moment erst einmal außen vor. Die wird für mich erst dann interessant, wenn ich anfangen möchte, diese selbst hergestellten Pullover auch verkaufen zu wollen.

Wenn man es sich einfacher machen will, kauft man industriell vorbereitetes, gewaschenes und kardiertes Vlies für zwischen 15 und 30 € das Kilo und kommt damit beim ersten Pullover auf etwa 25 – 55 € plus Portokosten für das Material und die Zeit reduziert sich natürlich auf das Spinnen und Stricken.Auch hier gilt, dass man für jeden weiteren Pullover natürlich nur die Faserkosten hat.

Hier haben wir natürlich keine Kontrolle mehr darüber, wie das Vlies behandelt wurde und aus welcher Haltung und woher die Wolle stammt. Es gibt keine Kennzeichnungspflicht für die Herkunft von Wolle (oder anderen Fasern). Man kann bei der Händlerin nachfragen und wenn sie ehrlich ist, sagt sie es einem. Oder sie weiß es auch nicht, da auch sie die Wolle von einer Großhändlerin bekommen hat usw. Industriell kardierte Wolle wird immer harsch behandelt, gestreckt und wir verlieren Elastizität. Alles Beigaben, an die man denken sollte. Außerdem steckt in dieser industriellen Wolle natürlich jede Menge Energie. Maschinen, die mit Strom laufen, der u.U. aus Atomkraftwerken oder Kohlekraftwerken stammt. Die Transportwege sind länger und damit ist der CO2 Ausstoß höher. Und wir haben nie die Chance auf ungewöhnliche Vliese, von ungewöhnlichen Schafen.

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Klar kann man sich das alles noch einfacher machen und kauft sich einfaches Schurwollgarn für um die 30 – 50 € das Kilo. Dann braucht man nur noch die Stricknadeln und die Zeit zum Stricken.

(Bei Garn sind nach oben kaum Grenzen gesetzt. Da kann so ein Pullover auch schon einmal schnell in die mehrere Hundert EUR gehen, wenn man sich entsprechend luxuriös fühlt. Muss aber nicht sein. Die günstigste Wolle ist industriell gefertigte, weiß Strickwolle bei Wollknoll beispielsweise. Wenn man heimisch kaufen will und es nicht so industriell zubereitet hat, geht man zu einer der wenigen noch vorhandenen Spinnereien, wie Dickel oder Wollzentrum z.B.)

Oder man kauft sich natürlich gleich einen fertigen Pullover für 20 bis 100 €. (Nach oben natürlich, wie immer, offen.)

Hiermit unterstützen und füttern wir aber nur die ausbeuterischen Verfahren der Modeindustrie. Oder glaubt auch nur ein einziger Mensch wirklich ehrlich, dass ein Pullover, den ich für 50 € im Klamottenladen kaufe, in irgendeiner Weise ökologisch und ethisch vertretbar hergestellt werden kann?

Wenn dieser Pullover im Laden 50 € im VK kostet, hat ihn die Händlerin für 25 € im Großhandel eingekauft. Oder das Geschäft gehört einer Handelskette an, die diesen Pullover dann für 5 oder 10 € in China produzieren ließ. Die Wolle, falls es denn überhaupt Wolle ist, wurde dann für einen Hungerlohn von Schafhalterinnen in der Inneren Mongolei an den dortigen Tieren produziert. Oder es wurde die schlechte Wolle für einen Spottpreis aus einem anderen Land importiert. In jedem Fall haben schon beim Wollwachstum die Tiere und ihre betreuenden Menschen gelitten und durch die Massentierhaltung wurde die Lebenswelt dieser Tiere und Menschen enorm geschädigt. Das Ganze wird dann industriell irgendwo im Süden Chinas sortiert, gewaschen, gebleicht und maschinell verarbeitet. Dabei wurden 10 bis 100 oder mehr der 7500 erlaubten  Ausrüstungs- und Hilfschemikalien verwendet. Diese wiederum wurden wahrscheinlich unsachgemäß entsorgt und belasten oder vergiften die Umgebung der Textilfabriken bis hin zu den Flüssen und Meeren, in denen alles letztendlich landet. Ganze Landstriche auf der Welt sind wegen unserer Kleidungssucht versalzen, vergiftet, unfruchtbar und verwüstet worden.

 

 

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Wenn sich einige hier nun fragen, wie in aller Welt soll ich diese 200 Stunden für diese ganze Arbeit für „nur einen“ Pullover erübrigen? Dann sollten sie sich selbst fragen, was sie so durchschnittlich an den Abenden der Woche machen? Ja, das Sortieren sollte wenn möglich am Stück erledigt werden, dann hat man es hinter sich. Aber schon das Waschen kann in kleinen Portionen geschehen. Wolle zupfen und kardieren kann man Abends vor dem Fernseher. Spinnen mit der Handspindel kann man überall. Und Stricken genauso. Das geht im Biergarten und in der Kneipe oder beim Besuch bei oder von Freundinnen.

Über Tausende von Jahren haben (hauptsächlich) Frauen diese Arbeiten neben ihrer regulären Tätigkeit her gemacht. Sie haben gesponnen während dem Kochen, gestrickt beim Gehen zum Feld und das alles nicht nur für einen Pullover, sondern für die ganze Familie. 20 000 Jahre lang ist jedes bisschen Faden von Hand hergestellt worden. Jedes Stückchen Stoff wurde von Hand gewebt und später dann gestrickt. Und es gibt heute noch ausreichend Menschen, die diesem Handwerk nachgehen. Das kriegen wir auch hin.

Und es muss ja nicht schnell gehen. Wir laufen in der Regel ja nicht nackt und frierend herum bis der Pulli fertig ist. Und falls wir ihn doch dringend benötigen, kann das auch ein Ansporn sein. Ich weiß noch, ein als Urlaubsprojekt gedachter Pullover wurde in der Rekordzeit von 2 Tagen fertig gestrickt, weil ich die Temperaturen am Urlaubsort überschätzt hatte und ihn wirklich dringend benötigte. Zum Glück musste ich nicht erst noch das Garn spinnen.

Dinge des täglichen Bedarf mit den eigenen Händen herzustellen kann auch unglaublich befriedigend sein. Wir bekommen damit ein Stück Kontrolle zurück. Wir sind nicht mehr abhängig von einer undurchschaubaren Industrie, wo die Rohstoffe erst fünfmal quer über den gesamten Globus transportiert werden, von einem Produktionsschritt zum nächsten. Wir wissen, woher unsere Kleidung kommt, kennen vielleicht sogar das Schaf beim Namen. Wissen, wie die Fasern behandelt wurden und auch wieviel Arbeit in einem einfachen Kleidungsstück wie einem Pullover steckt. Wir verwenden Handwerkstechniken, die uns mit unseren Vorfahren verbinden und uns unabhängig machen. Und wir sind Katalysatoren und Überträgerinnen. Mit dem Erlernen einer jeden Handwerkstechnik übertragen wir das Wissen an andere. Und erhalten es so. Grundwissen des Überlebens. Denn neben Schutz vor den Unbill des Wetters, Essen und Trinken ist Kleidung eine der Basisnotwendigkeiten des Lebens für uns unbehaarte Säugetiere.

Und einmal ganz abgesehen davon. Was könnte schöner sein, als etwas für uns und/oder unsere Lieben mit unseren eigenen Händen hergestellt zu haben?

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6 Kommentare zu „Faire Preise Teil 2 – Was kostet mich der Pullover

  1. und es ist egal ob ich den pullover bei einem „billighändler“ kaufe oder als markenware. meist sind sie doch im gleichen land produziert. wen unterstütze und füttere ich da eigentlich wirklich? bezahle ich letztendlich nur die sauteure ladenmiete mit?
    deine überlegungen und rechnereien sollte wirklich jeder mal durchführen und am ende auch einen blick auf die nachhaltigkeit werfen. soll heißen – kaufe ich „gut“ hergestellte ware sollte ich sie auch über einige jahre tragen und tragen können.

    liebe grüße
    d.

  2. Ich bin über deinen Blog gestolpert als ich nach nachhaltiger Wolle gesucht habe und auf den Link bei Naturwolle gestoßen bin. Beide Einträge über faire Preise fand ich höchst interessant zu lesen, besonders aber die Links, die du bietest. Mir war z.B. nicht bewusst, dass es noch Spinnereien in Deutschland gibt. Da es schon lange ein kleiner Tagtraum von mir ist, einen Pullover selbst herzustellen, werde ich mich dank deiner Links mal näher damit beschäftigen. Vor allen Dingen der Teil über Auswahl der Vliese ist ein Supertipp!

    Vielen Dank für den Beitrag, wirklich sehr informativ!
    Sarah

  3. Es gibt aber schon einige Adressen, wo ich gute faire, sogar mulesingfreie Wolle von deutschen Schäfereien bekomme. Einige habe ich auf meinem Blog schon aufgeführt: http://fingerhut-und-pinsel.blogspot.de/search/label/Wolle
    Denn nicht jeder hat auch die Zeit sich die Wolle noch selber zu spinnen oder ist froh, wenn man wenigsten schon das Stricken beherrscht, so wie ich. Daher bin ich froh, schon einige Adressen ausfindig gemacht zu haben, wo ich mit gutem Gewissen einfach nur noch Stricken brauche, die etwas teurere Variante wäre dann Nähen oder gefertigte schöne Schurwollartikel z.B. bei http://finkhof.de/laden/

    Liebe Grüße
    Elli

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