Meandern · Spinnen

Faire Preise Teil 1

Ich bin auf Facebook in einer wirklich coolen Gruppe Schurwollmarkt, wo Schafhalterinnen ihre Vliese, die sonst entsorgt werden müssten, direkt den Verbraucherinnen anbieten können. Ich habe selbst schon darüber Vliese gekauft (muss allerdings gestehen, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, die Vliese richtig anzusehen geschweige denn zu waschen, mit dem Kurs im Moment und allem, was mit meiner Mutter pflegerisch im Augenblick abgeht). Wie dem auch sei, alles in allem finde ich es eine der gelungeneren Ecken Facebooks.

Was mich aber dann mal wieder umtreibt ist die Frage nach einem fairen Preis. Faire Preise sind im Augenblick ja mal wieder in aller Munde (im Falle von Milchtrinkern und Fleischessern sogar wortwörtlich). Was ist ein fairer Preis? Für einen Liter Milch? Hundert Gramm Fleisch? Oder ein Kilo Wolle? Sind wir bereit den Landwirten tatsächlich die Kosten zu erstatten, die sie aufwenden und ihnen noch einen Gewinn dazuzugeben?

Folgt man der Stiftung Bündnis Mensch & Tier (PDF Stand 2011) kostet ein Schaf im Jahr, je nach dem ob man die Fläche noch pachten muss, das Futter noch heranschaffen muss oder eben nicht, zwischen 500 und 1500 EUR im Jahr. EIN Schaf!

Mir erschien das etwas hoch. Also schaute ich weiter und stieß auf den Anderl Bauer aus Frasdorf, der eine interessante Rechnung für seine 42 Mutterschafe aufgemacht hat. Er kommt darin auf Kosten von etwa 280 – 300 EUR pro Schaf pro Jahr. Allerdings hat er sich davon noch nicht selbst bezahlt. Selbstständige neigen ja zur Selbstausbeutung, weswegen er im Weiteren dann 8 EUR/Std für sich berechnet. (Seien wir ehrlich, die meisten Selbstständigen können von den 8,50 EUR Mindestlohn doch nur träumen. Wenn wir am Ende mit 4 – 5 EUR rauskommen, können wir doch froh sein.)

Jetzt sind das natürlich alles Berechnungen für die haupt- oder nebenberuflichen Landwirte, die ihre Schafe hauptsächlich wegen des Fleischs halten. Schafhaltung wegen des Vlieses gibt es in Deutschland nicht auf hauptberuflicher Ebene. Vom reinen Wollverkauf kann man nicht leben, weswegen die meisten hier gehaltenen Schafrassen auch Fleischschafe sind.

Für den Hobbyhalter, der halt gerade einmal seine 3 – 5 Schafe als Rasenmäher hält, wird die Schafhaltung immer ein Verlustgeschäft und eben Hobby sein. Tierseuchenkasse, Tierärzten, Versicherungen und Veterinäramt ist es weitgehend egal, ob das Ganze gewinnorientiert (sprich beruflich) oder im Nebenerwerb (immer noch kostendeckend) oder eben als Hobby betrieben wird. Diese Kosten stehen allemal an. Im Winter muss zugefüttert werden und wenn man keinen eigenen Hof hat, kann das Futter unter Umständen schon recht teuer werden. Ich denke, selbst unter optimalen Bedingungen kostet dann ein solches Schaf im Jahr immer noch 150 – 200 EUR. (Solange keine größeren Tierarztkosten anfallen. Aber wer rechnet die schon, wenn es sich um quasi Haustiere handelt – was Hobbyschafe im Prinzip sind. Ich bezeichne meinen unfallträchtigen vierbeinigen Freund auch nur noch liebevoll als Sparbüchse. Allein sein Beinbruch, den er mit 4 Monaten hatte, hat uns 2000 EUR gekostet. Ich habe spaßeshalber einmal zusammengerechnet, was er mich in seinen bisher 9 Jahren Lebenszeit allein an ungeplanten Tierarztbehandlungen gekostet hat und bin auf um die 5000 EUR gekommen. Aber – wie es so schön heißt, – wer rechnet denn nach.)

Doch zurück zur Frage des fairen Preises von Wolle. Einige Menschen gehen ja davon aus, dass die Schafhalterin die Wolle ansonsten ja ohnehin entsorgen müsste, was zusätzliche Kosten verursache. (Schafwolle ist Restmüll und zumindest bei uns kostet mich ein blauer Sack voller Restmüll 5 EUR auf dem Recyclinghof.) Also könnten die Schafhalterinnen ja froh sein, wenn man ihnen die Wolle umsonst „abnähme“. Andere Menschen sind wenigstens so ehrlich und wollen den Schafhalterinnen noch ein bisschen entgegenkommen und bieten ihnen dann pro Vlies immerhin die Scherkosten an. Oder 50 Cent mehr als die Wollsammelstelle bezahlt.

Aber jetzt seien wir doch einmal ehrlich. Sind bei auch nur 100 EUR im Jahr Kosten für ein Schaf (und das ist wirklich das absolute Minimum dessen, was ein Schaf kosten kann), sind wir bei diesen 100 EUR im Jahr wirklich der Meinung, dass 4 oder auch 10 EUR für ein Vlies ein fairer Preis sein kann? Ich sage ja nicht, dass wir die Kosten für ein Schaf vollständig übernehmen sollen, aber wie wäre es mit je nach Vliesqualität 5 – 8 EUR pro Kilo? Oder sogar mehr, wenn es sich um ein schönes Vlies einer besonderen Rasse handelt?

Natürlich müssen wir auch nach der Qualität sehen. Vliese mit viel Dreck, schwer löslichem Fettschweiß oder/und viel kurzem Nachschnitt sind natürlich für die Handspinnerin (oder auch die Filzerin unter Umständen) nur schlecht brauchbar. Daher sind auch die Schafhalterinnen angesprochen, gute Vliese anzustreben. Was vielleicht durch eine faire Bezahlung eher motiviert wird.

Wenn ich die Schafhalterinnen wenigstens annähernd fair bezahle, sichere ich auch eine zukünftige heimische Schafhaltung. Schafe sind, wenn nichts anderes, immer noch die besten Landschaftspfleger. Der Aufwand an fossilen Energien ist geringer als bei Rindern, wenn man Schafe hält, die an die jeweiligen Landschafts- und Klimabedingungen angepasst sind, kann man mit robusten „Rasenmähern“ rechnen. Und selbst wenn man keine Lämmer zum Schlachten haben möchte, hat man immer noch die Wolle. Aber auch heimische Schafe zur Schlachtung sind allemal besser als über zigtausende Kilometer importiertes Schaffleisch.

Natürlich können wir Spinnerinnen unsere Schafhalterinnen nicht allein unterstützen und am Leben halten. Aber wir können uns ebenso wie die Milchtrinker und Fleischesser Gedanken über faire Preise machen und diese dann auch zahlen. Im Zweifel müssen wir halt zu den Produzentinnen direkt gehen und ihnen die Wolle direkt abkaufen. Oder die Milch oder das Fleisch. (Aber dann bitte nicht nur die guten Stücke. Da ist ein ganzes Tier für euren Appetit gestorben, das auch noch andere Fleischstücke liefert als Lende und Kotelett. Die anderen Stücke kann man auch essen. Ich rede nicht von Hufen, die kann der Hund kriegen, aber da gibt es noch mehr.)

Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass jede Spinnerin ein paar Vliese selbst vom Schaf zum Garn verarbeitet haben sollte. In industriell gefertigter Spinnwolle steckt meist mehr Synthetikmaterial als Schaf. Superwash Fasern sind mit Polyamid überzogene, von ihren Schuppen chemisch befreite Fasern. Was da also noch Schaf ist, kann man wirklich nur noch unter dem Mikroskop sehen. Aber auch nicht filzfrei ausgestattete Fasern sind bis auf die Faser gewaschen, gebleicht, unter Hitze und Feuchtigkeit gestreckt und gekämmt worden. Ihre Elastizität erinnert nicht mehr im Entferntesten an die Eigenschaften von Wolle. Wer also wirklich einmal richtige Wolle in der Hand haben möchte, sollte tatsächlich mindestens einmal ein Vlies selbst gewaschen und vorbereitet haben. Man darf hinterher ja gerne wieder zu seinem Industriekammzug zurückgehen ;o).

Und hier ein Auszug aus meinem Buch über Rohwolle/Schweißwolle

Rohwolle/Schweißwolle

Rohwolle, auch Schweißwolle genannt, enthält direkt nach der Schur fünf Bestandteile. Die Wolle, das Wollwachs (wool grease) und der Wollschweiß (suint) stammen aus dem tierischen Stoffwechsel, der Schmutz und die Feuchtigkeit aus der Umwelt.

Bei Feinwollen besteht nur ca. 30% des Vlies aus Wolle, Landschafrassen wie das Rhönschaf haben immerhin schon 45% Wollanteil und bei Rassen wie dem Bergschaf liegt der Anteil je nach Schurzeit und Waschart bei zwischen 60% und 80%. Der Wollwachsanteil liegt bei zwischen 10% und 15% im Mittel und der Schweißanteil bei
weniger als 1% bis hin zu 8%. Der Rest sind äußerer Schmutz und Feuchtigkeit, die im Haar und dem Wollwachs gebunden ist. Diese Feuchtigkeit ist ein bedeutender Grund für die hohe Elastizität von Schafwolle und es sollte daher beim Waschen und Reinigen darauf geachtet werden, dass die Wolle nicht vollständig von Wollwachs befreit wird. Findet eine vollständige „Entfettung“ statt, so wird die Wolle spröde, die Haarschuppen werden geschädigt, sie verliert Glanz und eben Elastizität. Daher müssen wir beim Waschen und Reinigen der Wolle immer auf ein gutes Mittelmaß achten, zwischen Entfernen des Schmutzes und des Wollwachs, um die Fasern zum Färben bereit zu machen, und dem Erhalt des Wollwachs, um die Haare nicht zu schädigen.

Fettschweiß (yolk) ist die Vereinigung von Wollfett und Wollschweiß und stammt aus den Talg und Schweißdrüsen des Schafes. Er schützt das Schaf und ermöglicht einen Wärmeausgleich, ist klebrig und zieht Dreck, Staub, Kot, Sand, Futter und Streu geradezu magnetisch an. Der Dreck wird im Fettschweiß gebunden und wandert langsam am Haar nach oben und damit von der Schafhaut weg. Ist also gleichzeitig ein Reinigungsmechanismus für das Schaf.

Feinwollen und Langwollen haben mehr Fettschweiß, grobe Wollen weniger und Böcke mehr als Auen. Auf dem Schaf ist der Gehalt an Fettschweiß am Rücken und am Bauch am höchsten und auf den Schultern am Geringsten. Was auch erklärt, warum Rücken und Bauch am ehesten dreckig sind.

Es gibt gut löslichen und schwer löslichen Fettschweiß. Der gut lösliche Fettschweiß fühlt sich ölig an, und wird hauptsächlich von den Schweißdrüsen produziert, weniger von den Talgdrüsen. Die Haare gleiten durch die Finger und kleben nicht. Seine Farbe ist gelblichweiß.

Ebenfalls leicht löslich ist der Rostschweiß, der in rötlichen Flocken über das Vlies verteilt ist.

Schwer löslich ist der Fettschweiß, der hauptsächlich von den Talgdrüsen produziert wurde. Er tritt in Klümpchen oder Flocken auf, ist weiß über orange bis grünlich, klebrig und lässt sich durch einfaches Waschen nicht aus dem Vlies entfernen. Er wird auch durch Kardieren nicht aus dem Haar fallen. Bei schwer löslichem Fettschweiß helfen nur rabiate Methoden. Diese können aber das Haar schädigen, daher ist Vorsicht angebracht

Wollt Ihr euch die Arbeit und Enttäuschung sparen, dann achtet beim Erwerb eines Vlies auf diese kleinen (meist weißen) Flocken. Das sind keine Hautschuppen oder Parasitenbefall, das ist talgiger Fettschweiß. Der klebt am Vlies, klebt an dem einzelnen Haar und wir durch normales Waschen nicht weggehen. Daher sollte man von einem solchen Vlies die Finger lassen. Die Chancen damit nicht glücklich zu werden sind enorm hoch.

Ist ein Vlies dahingegen nur dreckig, wegen mir auch voller Pflanzenmaterial, gelblich und fühlt sich leicht ölig an, so kann man es bedenkenlos mitnehmen, denn es wird sich gut waschen und reinigen lassen.

Der Wollschweiß setzt sich aus organischen Salzen (hauptsächlich Kaliumcarbonat (Pottasche) mit kleinen Anteilen von Kaliumchlorid, Kaliumsulfat und Natriumsulfat) zusammen. Wenn diese Salze nun zusammen mit dem Wollfett in warmen Wasser gelöst werden, verseifen sie. Damit bringt Wolle also schon von sich aus die Reinigung mit um sie sauber zu bekommen.

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7 Kommentare zu „Faire Preise Teil 1

  1. ich finde es ziemlich krass wenn für die guten Fell nichts bezahlt wird..klar ist es schön was geschenkt zu bekommen aber fair ist es nicht wenn die Wolle als Sondermüll angesehen wird. Wenn die Produzenten Ihre Wolle nicht losbekomemn sollten Sie sich vieleicht Rassen halten die nicht so viel Wolle haben (wurden ja so gezüchtet) falls es die noch gibt.
    Ich kann mir das trotzdem kaum vorstellen das soviel Wolle übrigen ist – jetzt würde ich am liebsten ne Sammelfirma aufmachen seufz… kauft lokal ist da mal wieder mein Stichwort… ich hab jetzt auch ein Spinnrad hier stehen und hoffe das ich es bald kann.

    1. Ich habe ehrlich keine Ahnung, wieviele Schafe insgesamt in Deutschland gehalten werden. Diese Zahlen kriegt man nur, falls überhaupt, von zahlungspflichtigen Statistikseiten. Und für eine Mitgliedschaft bei denen fehlt mir das Geld.
      Ich denke, bei den üblichen Rasenmähern wäre es sicherlich nicht schwierig statt eines Milchschaf oder Suffolk ein Soay oder Kamerunschaf zu halten. Aber – und das ist ein großes aber – nicht alle Schafe sind für jeden Untergrund und jedes Klima gleich gut geeignet. Ein Großonkel von mir hat in den 1930ern versucht Merinos in der Rhön zu halten. Damals versuchte man halt die Wollproduktion heimisch zu bekommen und Merino ist und bleibt das Schaf der Wahl dafür. Im Gegensatz zu dem Rhönschaf, das in der Rhön halt heimisch ist und an die teils sehr karge Landschaft angepasst ist, kamen die Merinos aber nicht mit dem Klima zurecht und sind sehr schnell krank geworden. Das Projekt wurde abgebrochen und es wurden wieder Rhönschafe eingestellt, die aber halt nicht diese superweiche Wolle haben. Nur daran kann man halt sehen, dass nicht jede Schafrasse auf jedem Untergrund leben kann. Es gibt Schafe, wie die Pommernschafe, die sind supergut an weichen Untergrund angepasst. Andere kriegen bei solchem Untergrund dann Klauenfäule usw.
      Wie gesagt, so einfach ist das nicht.
      Ich wünsche dir viel Spaß beim Spinnen lernen.

      1. Ja klar gibt es viel zu beachten.. gibt es denn für SchafWolle keine Verarbeitungsgemeinschaft? Für Alpakawolle gibt es das, und auch die Leute mit wenigen Tieren haben dann etwas Wolle anzubieten.

      2. Es gibt so etwas zB für Coburger Fuchsschafe. Schau mal nach das-goldene-Vlies.de, das ist eine Genossenschaft. Ansonsten sind die meisten Schafhalterinnen Einzelkämpfer. Das hat historische Gründe. Die Alpaka sind ja erst seit 20 Jahren in Deutschland. Schafe werden hier in der Gegend seit 2000 Jahren gehalten. Und waren auch mal deutlich wichtiger. Mein Ururgroßvater ist mit einer Herde von 35 000 Rhönschafen aus der Rhön nach Frankreich gezogen und hat die in Paris an die königlichen Metzger verkauft. Das sind Größenordnungen, wie man sie heute nur noch aus Australien oder Patagonien kennt. Aber das Schaf hat hier immer mehr an Bedeutung verloren. Lammfleisch ist ja auch erst sein vielleicht 25 Jahren wieder interessant. Vorher wollten doch kaum Leute Lamm essen. Und dann kam das Neuseelandlamm hierher und Lamm wurde wieder populär. Aber halt nur bis 120 Tage alt und unter 45 kg. Und dafür bekommen sie dann um die 2 EUR pro Kilo Lebendgewicht.
        In Deutschland verkommt die Landwirtschaft halt immer mehr. Was vor allen Dingen an den Verbraucherinnen liegt, die immer billig billig wollen. Du weißt schon, der Emailgrill mit handgefertigten Teakholzgriffen für knapp 2000 EUR und der speziell eingelagertem und aromatisierten Holzkohle, aber dafür das Kilo Fleisch für 1,96 EUR vom Lüdl – und dann gibt es beim Wettgrillen noch Punktabzug, weil es beim Aldü 20 Cent billiger gewesen wäre.

  2. Hat dies auf Naturwolle – Stricken mit gutem Gewissen! rebloggt und kommentierte:
    Nemo Ignorat hat sich Gedanken gemacht über faire Preise für Rohwolle, wie ich finde ein wichtiges Thema. Wie kann es sein ds die Schäfer Ihre Wolle nicht losbekommen und wenn dann nur fürn Appel und n Ei aber durch die ganze DIYWelle die großen Marken die die Wolle sonstwoher importieren Gewinne machen. Kauft Lokal!

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