Meandern

Tschernobyl 1986

Ich werde ja selten offen politisch in meinem Blog. Für – respektive gegen – Atomkraft mache ich einmal eine Ausnahme.

Wir haben den 30. Jahrestag des Reaktorunglücks in Tschernobyl. Und es hat sich nichts geändert. Seit Beginn der zivilen Nutzung der Atomkraft werden die Folgen heruntergespielt und verneint. Die militärische Nutzung der Atomkraft zielte immer schon auf Vernichtung und Zerstörung hinaus. Aber für die zivile Nutzung ist Atomkraft auf einmal harmlos gewesen. Bis Mitte der 1960er glaubte man ja auch noch eine teilweise Kernschmelze hinnehmen zu können. Oder >>Wie sagte der ehemalige Präsident der Wiener Atompropagandaorganisation IAEA, Hans Blix: „Angesichts der Wichtigkeit der Kernenergie könnte die Welt einen Unfall vom Ausmaß Tschernobyl pro Jahr ertragen.“<< (DIE ZEIT Nr. 16/2011)

Das aber auch die langfristige, niedrige Strahlung verheerende Folgen haben kann, wird von ganz anderer Seite bestätigt. Zu diesem kurzen Post hat mich ein Interview in der taz mit Cornelia Hesse-Honegger angeregt. Sie ist eine geniale Wissenschaftskünstlerin, die sich dem Aufzeichnen von Mutationen, die durch niedrige Strahlung an Insekten hervorgerufen wird, verschrieben hat. Frau Hesse-Honegger zeichnet und malt seit fast 50 Jahren Wanzen. Und zwar biologisch korrekt. Ihre Bilder sind wie miskroskopisch exakte Aufnahmen von Lebewesen. Durch ihre langjährige Beziehung zu den Insekten und ihrer genauen Kenntnis kann sie jede Veränderung deutlicher sehen als andere. Mit ihren detaillierten Zeichnungen und Aquarellen folgt sie den großen und großartigen Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen des 19. Jahrhunderts (und den wenigen noch früher, die sich trauten trotz kirchlicher Verbote anatomisch korrekte Zeichnungen herzustellen), als mangels Aufnahmetechnik noch das menschliche Auge herhalten musste.

Insekten sind aufgrund ihres schnellen Generationenwechsels beliebte Untersuchungslebewesen, wenn es um Veränderungen geht. Und so konnte Frau Hesse-Honegger bereits 1987, ein Jahr nach dem Super-GAU von Tschernobyl, in Schweden erste Mutationen an Insekten feststellen. Damals wurde sie noch für verrückt erklärt, doch inzwischen weiß man, dass sich niedrige Strahlung genauso schlimm auf Organismen auswirkt wie hohe Strahlung. Frau Hesse-Honeggers Ruf ist inzwischen zum Glück rehabilitiert und ihre Aussage steht:

In der Nähe von Aufbereitungsanlagen und unfallfreien AKW ist die Mutationsrate am höchsten. 

Dort, wo es störungsfrei zugeht, wo angeblich alles sicher ist, dort, wo wir uns sicher fühlen, gibt es die meisten Mutationen.

 

Kernkraftwerke_in_Deutschland

Von Lencer – selbst erstellt, auf der Grundlage Karte Bundesrepublik Deutschland.svg, Informationen aus Liste der Kernreaktoren in Deutschland und BfS: Kernkraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland, CC BY-SA 2.5,  https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1704331

 

1024px-Forschungsreaktoren_in_Deutschland

Von Lencer – selbst erstellt, auf der Grundlage Karte Bundesrepublik Deutschland.svg, Informationen aus Liste der Kernreaktoren in Deutschland, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1768140

Und nur weil Deutschland die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf geschlossen hat, bedeutet es nicht, dass wir nicht auch Verantwortung tragen für La Hague, Frankreich, Sellafield, UK, Majak, Russland, Tōkai und Rokkasho, Japan, Tarapur, Indien, Savannah River Site, USA. Denn irgendwo muss auch der deutsche Atommüll hin, wiederaufbereitet und später endgelagert werden.

Die Endlagerung ist allen Atomkraftgegnerinnen ein großer Dorn im Auge. Denn die langfristigen, Hunderte bis Millionen Jahre anhaltenden Folgen der Atomkraft, werden gerne ausgeblendet. Bislang sind weltweit noch keine sicheren Endlagerstätten gefunden oder gebaut worden. Denn Endlagerung bedeutet, dass die radioaktiven Substanzen über Zehntausende oder sogar Millionen Jahre sicher herumliegen und langsam zerfallen können müssen.

Plutonium: Halbwertszeit 24 110 Jahre
Uran 235: Halbwertszeit 703 800 000 Jahre
Uran 238: Halbwertszeit 4 468 000 000 Jahre

Dazu kommt noch das Kommunikationsproblem über die Generationen hinweg. Wenn wir uns überlegen, wie wenig wir über die Menschen von vor 200 Jahren wissen, wie wenig wir deren Denksystem nachvollziehen können, und wie wenig wir Texte von vor 2 000 Jahren verstehen, kann man sich vorstellen, dass es eine eigentlich unlösbare Aufgabe ist, diese potentiellen Endlagerstätten (falls wir denn welche finden oder bauen) auch noch für künftige Generationen sicher zu machen. Wie wollen wir verhindern, dass in – sagen wir – 200 Jahren, in einer völlig veränderten Welt, nicht zufällig irgendwelche Menschen in eine solche Endlagerstätte hineinstolpern und eine Katastrophe auslösen, nur weil sich Symbole, Schriften und/oder Technik komplett verändert haben? Auch dafür sind wir mit unserer Nutzung ziviler Atomkraft verantwortlich.

Und weil sich seit 60 Jahren immer noch nichts geändert hat und wir das Logo ebenfalls einer Frau (Anne Lund) verdanken:

220px-Atomkraft_Nein_Danke

In Gedenken an die bisher Größten Anzunehmenden Unfälle

10. Oktober 1957 Windscale, (heute) Sellafield, Cumbria, UK

28. März 1979 Three Mile Island, Harrisburg, PA, USA

26. April 1986 Tschernobyl, Prypiat, Ukraine (damals noch UdSSR)

11. März 2011 Fukushima Daiichi, Ōkuma, Fukushima, Japan

Und die lange Liste der scheinbar folgenlosen Vorfälle in zivilen Atomkraftwerken der Welt. Von den militärischen ganz abgesehen.

 

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4 Kommentare zu „Tschernobyl 1986

  1. Und du hast die schlimmen Auswirkungen des Uranabbaus noch gar nicht erwähnt, sei es nun in Australien, Kanada oder sonstwo (suchmaschine mal „Leave Uranium in the ground indigenous peoples“). Ganz zu schweigen davon, dass die Kriege im afrikanischen Sahel nicht zum kleinsten Teil durch Interessen an den Uranvorkommen im NIger befeuert werden (aber das hat natürlich sowohl mit der militärischen als auch mit der „friedlichen“ Nutzung der Kernenergie zu tun).

    1. Da hast du natürlich recht. Danke dafür. Den Bereich habe ich vollkommen außen vor gelassen. Eigentlich wollte ich nur kurz auf das Interview aufmerksam machen und die Schlüsse, die Frau Hesse-Honegger gezogen hat. Und dann entglitt es mir wieder.

  2. was mich am meisten aergert: kurz nach groesseren vorfaellen sind sich (fast) alle einig, dass es so nicht weitergeht, „man“ muss was tun (bzw. lassen!) und wir schaffen das alles ab. 6 monate spaeter haben alle wieder vergessen, worum es eigentlich ging:( die angeblich so ueberlegene spezies mensch kann so saubloede sein in vielen dingen:( und es ist kein ende in sicht:(

    1. Dieses Verdrängen solcher Ereignisse und Erfahrungen ist typisch für Menschen. Weswegen sich auch nichts wirklich ändern wird. In Japan werden die durch Fukushima Vertriebenen wie Pariah behandelt und leben immer noch in den Behelfscontainern. In Tschernobyl wollen sie nun die Gegend wieder besiedeln, da sie – per definitionem – sicher geworden ist. (Von der deutschen Ignoranz diesem Thema gegenüber mal ganz zu schweigen.)

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