Farben · Meandern

Lac Dye

Eigentlich wollte ich ja heute einen Beitrag zu meinen Flickereien die letzten Wochen schreiben. Den März habe ich mich ja hauptsächlich mit Aufräumen, Sortieren und Ordnen befasst und mir ein paar Gedanken über meine (berufliche) Zukunft gemacht. All das sollte hier heute stehen. Doch dann fiel mir in den paar wenigen Färbergruppen, in denen ich auf Facebook bin auf, dass ein Farbstoff die letzte Zeit die Töpfe der Färberinnen erobert: Lac Dye oder wie es auch so schön genannt wird: Laccainsäure.

Ich habe Lac Dye vor ein paar Jahren als wunderbare Alternative zu Cochenille für Cellulosefasern entdeckt. Cochenille auf Cellulose ist immer so ein bisschen „schwierig“. Es bedarf besonderer Vorbereitungen, am besten hält es (natürlich) mit einer Proteinbasis, was aber die üblichen Probleme der Proteinbasis aufwirft und am zweitbesten hält es  mit Aluminiumdiacetatbeize. Die sollte man allerdings selbst anrühren, die übliche käufliche essigsaure Tonerdbeize hat mir bei Cochenille noch nicht weitergeholfen. Mit der selbst angerührten Alumi9niumdiacetatbeize hält Cochenille auf Cellulosefasern dann aber sogar so schön, dass man mit der Beize Muster auf den Stoff malen kann, so dass die Cochenillefärbung nur auf den gebeizten Stellen haften bleibt. Aber eine schöne durchgängige Färbung ist nur schwierig hinzubekommen.

Auftritt: Lac Dye. Diese liegt schon als Pigment vor und färbt von daher anders als Farbstoffe (eben auch anders als Cochenille, wo ja der Farbstoff aus den Läusen direkt gewonnen wird).

lac 02 woche 2
Lichtechtheitstest Lac Dye verschiedene Beizen, Baumwollbatist

Schildläuse sind Pflanzenläuse, die sich von dem Saft der Pflanze, auf die sie spezialisiert sind, ernähren. Ihr gesamtes Leben findet auf dieser Pflanze statt. Einige Schildlausarten (leider nicht die, die im Winter den Ficcus im Wohnzimmer plagen), enthalten in ihrem Fettkörper ein Sekret, das wahrscheinlich dazu dient, um Fressfeinde abzuschrecken und welches leuchtend rot ist.
Man sieht es, wenn die Weibchen in voller Fruchtbarkeitsphase stehen und ihre Eisäcke voll sind. In diesem Stadium werden sie von den Pflanzen gebürstet (oder anders entfernt), getrocknet und später weiterverarbeitet.

Der Farbstoff ist die Karmesinsäure.

Lac (Kerria lacca)
Seit Tausenden von Jahren bevölkern diese Läusearten die Bäume in Indien, Südostasien und dem südlichen China. Lac-Insekten werden auch heute noch im großen Maß geerntet und verarbeitet, allerdings weniger wegen ihres Farbstoffs, sondern wegen des Harzes, das sie zu ihrem Schutz produzieren, und das wir als Schellack kennen.

Frische oder auch getrocknete Lac-Insekten (stick lac)sind hier kaum zu bekommen, dafür aber der bereits extrahierte und zu einem Pigment weiterverarbeitete Farbstoff, mit dem auch gut Pflanzenfasern gefärbt werden können. Dieser Farbstoff ist nicht billig und man sollte bei all diesen Farbstoffen im Auge behalten, dass ein Haufen Tiere dafür ihr Leben lassen mussten und ihn mit entsprechendem Respekt und Sorgfalt behandeln.

02-Indian-Insect-Life_-_Harold_Maxwell-Lefroy_-_Kerria-Lacca
Indian insect life Calcutta ;Thacker, Spink & Co., W. Thacker & Co., 2 Creed Lane, London,1909. http://biodiversitylibrary.org/item/80025

Die Weibchen der Lackschildlaus sind flügellos und besitzen in der Regel nicht einmal Antennen. Sie setzen sich auf einem Ast des Wirtsbaums fest und saugen an dessen Pflanzensaft. Dabei nehmen sie das Harz des Baumes in sich auf, wandeln es während der Verdauung um, und scheiden es als rötlichbraunes Harz wieder aus. In diesem Brocken aus Harz leben sie, werden von den fliegenden Männchen begattet, legen ihre Eier und dort schlüpfen auch die Larven. Mit jeder Generation wächst der Harzklumpen rund um den Ast ein Stückchen mehr. Das bedeutet aber auch, dass das Harz nicht schon im ersten Jahr „geerntet“ werden kann, sondern die Lac-Insekten müssen etliche Jahre auf einem Baum leben und Millimeter für Millimeter das Harz weiter aufbauen, bevor es sich überhaupt lohnt den Ast abzubrechen und das Harz, die Läuse und den Farbstoff zu ernten.

Die Besiedlung neuer Bäume ist dem Menschen überlassen. Ästchen mit aktiven Weibchen und Larven werden abgebrochen und zu einem neuen Baum getragen, wo sie dann auf dessen Äste übertragen werden. So siedeln sich neue Kolonien an. Zur Ernte werden wiederum Ästchen mit dem Harz abgebrochen. Je nach Herkunft und Gattung bleiben die Äste in dem Harz oder das Harz löst sich vom Ast, behält aber die halbrunde Form.
Aus dem so genannten Stocklack (stic lac) oder Gummilack wird nun entweder der Farbstoff gewonnen oder es wird Schellack hergestellt.

Wegen Cochenille hat Lac in Europa nie besonders Fuß fassen können. Die Ausbeute ist nicht so hoch wie die von Cochenille, Lac ist harzig und muss besonders behandelt werden, um gut auf Proteinfasern färben zu können. Deswegen wurde es hier hauptsächlich für seinen Schellack bekannt und als Färbemittel für Leder. Heutzutage kann man Lac als fertige extrahiertes Konzentrat im Künstlerbedarf16 kaufen.
Färberinnen von Cellulosefasern schätzen jedoch Lac. Denn es färbt nur mit einer Alaunbeize (oder Kaltbeize AL/Essigsaure Tonerde) ein klares Rot auf Cellulosefasern.
Wie alle Farbstoffe tierischer Herkunft ist Lac allerdings auch unglaublich teuer wobei er in der konzentrierten Form, in der wir es hier bekommen, auch extrem weit reicht. Besonders gut ist er zum Bemalen und Bedrucken von Cellulosefasern geeignet.

Das Problem

Wie immer wenn ein scheinbar neuer Farbstoff oder ein scheinbar neues Material Fuß in der westlichen Färberinnen-, Strickerinnen- oder Spinnerinnenszene fasst, geht ein Hype um. Auf einmal färben alle damit, die Nachfrage nach dem Stoff steigt, was bedeutet, dass die „Produktion“ in Südostasien angekurbelt werden muss, die Bauern dort sind froh, auf einmal mehr loszuwerden, besiedeln mehr Bäume mit Lac-Insekten und lassen die Harzbrocken nicht mehr so lange wachsen. Dann setzt der zweite Boom ein, denn die Industrie entdeckt den Stoff für sich (kann man gut verkaufen, ist „natürlich“ und alles ganz „Bio“) und die Bauern kommen nicht mehr hinterher. Sie müssen viel mehr Bäume mit den Insekten besiedeln als für die Bäume gut ist und die Insekten werden noch früher „abgeerntet“, weswegen sich die Qualität verringert und die Bauern nicht mehr soviel bekommen wie früher. Usw usf und die ganze Spirale setzt ein, die wir auch schon bei Kaschmir gesehen haben oder bei vielen anderen „gaaanz natürlichen“ Stoffen und Materialien.

Das andere Problem ist, Lac Dye wird scheinbar wie ein Farbstoff verwendet und nicht wie das Pigment, das es ist.

Der Unterschied zwischen Pigmenten und Farbstoffen

Farbstoffe sind Molekülverbindungen, die sich mit den Fasermolekülen (meistens unter Zuhilfenahme von Metallsalzen) verbinden. Sie dringen in die Fasern ein und bilden dort zusammen mit den Metallsalzen einen Molekülkomplex aus Beize, Farbstoff und Faser, weswegen sie auch gut an den Fasern haften bleiben. Farbstoffe lösen sich in Wasser auf.

Pigmente hingegen sind ausgefällte Farbstoffe, die schon beim Ausfällen im Becherglas mit einem Metallsalz verbunden werden. Sie sind nicht wasserlöslich, sondern verteilen sich nur in einer Flüssigkeit und sie sind eigentlich dazu gedacht, um mit einem Bindemittel auf einen Canvas (das kann Papier oder auch Stoff sein) zu malen. Man kann sie bedenkenlos auch für Färbungen verwenden, sollte dabei aber immer beachten, dass sie eine lange Einwirkzeit benötigen und immer eine lange Reifungszeit.

 

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